Vortrag "Kinder brauchen Werte" am 1. Dezember

Am 1. Dezember hielt Jan-Uwe Rogge einen Vortrag zum Thema "Kinder brauchen Werte". Der Vortrag fand im Rahmen des Bayerischen Bildungsdialiogs (Karmeliterssal, München) statt, den der Verband katholischer Kindertageseinrichtungen organisisert.

Interview mit Jan-Uwe Rogge. Das Gespräch führte Fachreferentin Ricarda Mursch.

Rogge: Werte sind Grundkonstanten des Lebens

Welche Werte halten Sie für besonders wichtig in der Kita?

Jan-Uwe Rogge: Ein herausragender Wert ist für mich, ein Kind in seiner Individualität anzuerkennen und es zu begleiten. Zentral ist, dass ein Kind lernt, sich selber anzunehmen, so wie es ist und mit allen seinen Persönlichkeitsanteilen. Es sollte auch von den Erzieherinnen so akzeptiert werden, wie es ist. Da gibt es einen Grundsatz von Pestalozzi „Vergleiche nie ein Kind mit einem anderen, es sei denn mit sich selbst.“ Weiterhin sind Solidarität, Empathie und die Fähigkeit, sich in andere hineinzuversetzen von großer Bedeutung. Kinder brauchen bei der Entwicklung von Werten Begleitung. Sie müssen sich auch an Werten reiben können, um sich mit ihnen auseinanderzusetzen. Wertevermittlung funktioniert auch, indem ich mal eine Grenze überschreite, Werte in Frage stelle oder aus einer anderen Perspektive betrachte.

Wie eignen sich Kinder die Werte an?

Rogge: Kindern müssen Werte vorgelebt werden und nicht nur „vorgelabert“. Solidarität beispielsweise erwerben Kinder auch dadurch, dass sie ihre Erzieherinnen beobachten, wie sie miteinander umgehen. Das Lernen am Modell ist ein ganz wichtiges Moment und wir Erwachsene leben diese Modelle vor. Man kann von Kindern nicht Empathie erwarten, wenn sie im Team Verhaltensweisen entdecken, das nicht empathisch ist.

Welche Rolle hat die Kita, wenn das zu Hause so nicht stattfindet, wie Sie das geschildert haben?

Rogge: Die Kita hat spielt bei der Wertevermittlung eine ganz zentrale Rolle. Dies ist nicht als Konkurrenz zu verstehen nach dem Motto „Wir sind besser und zu Hause passiert nichts“, sondern Ergänzung, vor allem dann, wenn die Kinder Werte zu Hause so nicht erfahren. In jedem Elternhaus erleben die Kinder eine ganze Menge. Auch jene Eltern, die nicht dieses empathische Verhalten haben, sind trotzdem Eltern, die zu den Kindern eine Bindung aufgebaut haben.

Wie helfen Werte Kindern im Leben oder bei ihrer Entwicklung?

Rogge: Die Aneignung von Werten ist keine stete Aufwärtsentwicklung. In der Pubertät wird nochmal alles grundsätzlich in Frage gestellt, was Kinder in den ersten Lebensjahren erfahren und verinnerlicht haben. Man reibt sich nochmal an den Werten. Auch das gehört mit dazu und ist kein Anlass, um sich selbst infrage zu stellen. Es ist wichtig, dass zu verstehen. Es gibt bis ins Erwachsenenalter hinein Phasen, in denen Konfrontation und Auseinandersetzung mit Werten stattfindet. Bedeutsam ist aber, um nochmal auf den ersten Wert zu kommen, dass man sich so angenommen fühlt, wie man ist. Das ist ein ganz zentraler Wert, weil er Halt gibt und weil er eine Verlässlichkeit darstellt. Im Prinzip sind wir jeden Tag gefordert, uns mit Werten auseinanderzusetzen. Es können Lebensumstände eintreten, die das nochmal in Frage stellen. Ich habe längere Zeit im Gefängnis mit lebenslänglich Verurteilten gearbeitet. Dort war bedeutend, auch wenn in deren Elternhaus nur bestimmte Wertvorstellungen vermittelt wurden, diese in der Beratungsarbeit und der Therapie aufzugreifen und als oberstes haltgebendes Moment zu nutzen.

Welche Bedeutung schreiben Sie den Werten in Bezug auf Resilienz zu?

Rogge: Wenn Kinder das Gefühl haben, dass sie so angenommen sind wie sie sind, dass sie auch Grenzen überschreiten und sich mit Grenzen auseinandersetzen können, dann wirkt sich das auch für die Widerstandsfähigkeit des Kindes aus. Resilienz setzt immer voraus: Ich bin angenommen, so wie ich bin. Und zwar nicht immer nur im Guten. Ich kann beispielsweise meine aggressiven Impulse bearbeiten, wenn ich weiß, ich darf aggressiv sein. Ich bin fähig dazu, Dinge zu tun, die nicht in Ordnung sind. Elementar ist, wirklich ehrlich mit sich umzugehen oder was man heute „authentisch sein“ nennt.

Welche Rolle messen Sie religiösen Werten in der Erziehung bei?

Rogge: Gemeinsam mit Anselm Grün habe ich ein Buch über Spiritualität in der Erziehung geschrieben. Spiritualität ist ein ganz wichtiger Nährboden. Ein zentraler Moment von Spiritualität ist, dass man angenommen ist, wie man ist, auch wenn man Grenzen überschreitet. Das ist kein Freifahrtschein, aber ein ganz wichtiges und haltgebendes Element in der Erziehung. Spirituelle Erziehung ist für mich nicht im Sinne von Esoterik gemeint. Spiritualität ist umfassender und weiter als Religion, die jeweils auf eine bestimmte Glaubensrichtung einengt.

Wie schätzen Sie den vielzitierten Wertewandel ein in Bezug auf Erziehung?

Rogge: Da habe ich immer meine Schwierigkeiten. Es gruselt mich davor, da das Wort Wertewandel meistens unter der Perspektive gesehen wird, dass alles wird schlimmer wird. Davon halte ich überhaupt nichts. Werte, Selbstwerte, das sind ja alles Dinge, die schon bei Pestalozzi, bei Fröbel und auch schon bei Aristoteles eine zentrale Rolle gespielt haben. Bestimmte Werte überdauern einfach und sind notwendig. Sie sind Teil eines humanen Miteinanders. Problematisch ist natürlich, dass man sehr lange dem Begriff der Werte keine Bedeutung mehr zuschrieb. Werte wurden sofort eher konservativ abgestempelt. Natürlich haben Werte in einem gewissen Sinne etwas Konservatives an sich, jedoch im positiven Sinne. Werte stellen die Grundkonstante des menschlichen Miteinanders dar.

Welche Werte sind bei einer kultursensitiven Pädagogik wichtig auch im Hinblick auf die aktuelle Flüchtlingsproblematik?

Rogge: Wesentlich ist hier die Unterscheidung zwischen Mitgefühl und Mitleid. Die Flüchtlingskinder, die kommen, haben kein Mitleid verdient. Mitleid ist immer eine Position, die für beide Seiten schlecht ist. Man sieht die Kinder als arme Opfer. Mitgefühl ist was anderes. Mitgefühl bestärkt. Mitgefühl heißt, ich begleite dich, so gut das in meinen Kräften steht. Das bedeutet aber auch: wenn ein Flüchtlingskind, das schon länger in der Einrichtung ist, bestimmte Grenzen überschreitet, dann braucht es ähnlich konsequentes pädagogisches Handeln wie jedes andere Kind auch. Ansonsten dürfte es mehr, weil es ein Flüchtlingskind ist. Dann kommt Ungerechtigkeit auf. Flüchtlingskinder müssen sich genauso an Regeln zu halten, wie jedes andere Kind auch. In der Überganszeit muss man ihnen Vertrauen geben, dass sie hier in dieser anderen Kultur ankommen. Hierfür muss man ihnen auch gewisse Werte, die hier in unserer Kultur notwendig sind und wichtig sind, vermitteln. In den Flüchtlingskindern  – ich hab in den 90er Jahren viel mit Aussiedlerkindern aus Kasachstan und Sibirien gearbeitet – muss auch ihr Stärke gesehen werden. Das sind Kinder, die sich nicht unterkriegen haben lassen, sondern es geschafft haben die Krise als Chance zu nutzen. So können Flüchtlingskinder auch für uns eine Bereicherung darstellen.