Flüchtlingskinder in Kindertageseinrichtungen

Flüchtlingskinder in Kindertageseinrichtungen – eine nicht zu vergessende Aufgabe!

Wir sprechen mit Händen und Füßen! – so lautet in vielen Kindertageseinrichtungen die Antwort der Erzieherinnen und Erzieher, wenn es um die Nachfrage geht, wie sie sich mit Kindern und ihren Familien aus den unterschiedlichen Kulturen verständigen. Der Dialog mit verschiedenen Kulturen gehört in vielen Kitas bereits zum Alltag. Doch die steigende Aufnahme von Kindern aus Flüchtlingsfamilien stellt weitreichende Herausforderungen und Problemlagen an Kindertageseinrichtungen.

Hintergrund

Die Zahl der Asylbewerber hat sich im Jahre 2014 im Vergleich zum Vorjahr verdoppelt. Den Schätzungen zu folge werden derzeit 2.600 Kinder aus Asylbewerberfamilien in bayerischen Kindertageseinrichtungen betreut. Die Situation, Flüchtlingskinder in Kindertageseinrichtungen aufzunehmen, ist jedoch nicht neu. Bereits in den 90er Jahren suchten viele Familien aus dem ehemaligen Jugoslawien mit ihren Kindern Schutz in Bayern. Die gegenwärtige Situation erreicht eine deutlich komplexere Dimension. Zudem gestalten sich die Problemlagen vor Ort zunehmend differenzierter.

Kinder aus Asylbewerberfamilien haben einen Rechtsanspruch auf einen Betreuungsplatz ab dem vollendeten ersten Lebensjahr. Dieser Rechtsanspruch auf Betreuung in einer Kita bzw. in einer Tagespflege besteht, wenn die Familien aus der Erstaufnahmeeinrichtung in eine staatliche Gemeinschaftsunterkunft oder dezentrale Unterkunft ziehen.

Generell haben alle Kitas, die Flüchtlingskinder aufnehmen, einen erhöhten Beratungs- und Betreuungsaufwand. Die Eltern haben Fragen, die sich nicht nur auf die Betreuung in der Kita beziehen. Daher ist vor Ort in den Einrichtungen auch ein hohes Maß an Übersetzungshilfen erforderlich. Übliche Sprachkenntnisse sind nicht mehr ausreichend, da viele Kinder aus Syrien, der Ukraine oder Afrika kommen. Im städtischen Einzugsbereich gibt es im Gegensatz zu ländlichen Gebieten vielfältige Angebote von Dolmetschern. In ländlichen Regionen bedarf es auch deshalb einer umfassenden Vernetzung und Koordination von unterstützenden Hilfen. Zudem sind die Dolmetscherkosten oftmals von den Trägern vor Ort zu schultern, sofern dies nicht durch ehrenamtliches Engagement aufgefangen werden können.

Die besonderen Problemlagen

Kitas müssen sich auf kurzfristige Aufnahmen der Kinder einstellen und sich konzeptionell neu ausrichten. Die Verweildauer der Flüchtlingskinder in den Einrichtungen ist unbestimmt und endet oftmals plötzlich. Für die Flüchtlingskinder bedeutet dieser unvorbereitete Wechsel eine weitere Belastung und für die zurückbleibenden Kinder ein ständiges „sich-Verabschieden“. Flüchtlingskinder haben in der Regel  traumatische Erfahrungen, die vielfältige Auswirkungen auf das Verhalten der Kinder haben können. Nicht selten reagieren Kinder auf gängige Kreisspiele, die mit lautem Klatschen begleitet werden, mit ängstlichen und erschreckten Verhaltensweisen. Pädagogische Fachkräfte sind mit Kindern mit traumatischen Erfahrungen konfrontiert, bei denen sie neben den Kindern selbst Unterstützung benötigen.

Fachkräfte brauchen daher sowohl Fortbildungen für den Umgang mit Flüchtlingskindern und traumatisierten Kindern als auch Beratung und Supervision für die Betreuung der Kinder und ihrer Familien. Hier ist ein unterstützendes Netzwerk mit unterschiedlichen Fachdiensten im Sozialraum nötig. Gerade das Zusammenwirken vor Ort ist zentral für eine klare Positionierung für das Engagement, um Ängste in der Öffentlichkeit abzubauen und eine positive Sensibilisierung für fremde Kulturen zu ermöglichen. Eine solidarische Gemeinschaft vor Ort sollte hier die Kindertageseinrichtung unterstützen. Träger von Kindertageseinrichtungen brauchen neben fachlicher Unterstützung vor allem auch eine bessere finanzielle Ausstattung, denn das System der Finanzierung der Kindertageseinrichtungen ist nicht für diese Problemlage ausgelegt.

Erfordernisse

Kindertageseinrichtungen mit Flüchtlingskindern benötigen spezifische Rahmenbedingungen, damit gerechte Bildungschancen für alle Kinder gewährleistet werden können. Das kindorientierte Finanzierungssystem deckt die aktuelle Herausforderung nicht in entsprechender Weise ab. Da die Aufnahme in die Kita oftmals durch plötzlichen Zu- oder Wegzug nicht geplant werden kann, entstehen kaum zu kalkulierende betriebswirtschaftliche Kosten. Im ersten Fall wird Personal für Kinder vorgehalten, die nicht mehr da sind, im zweiten Fall muss Personal gesucht werden für Kinder, die unvorhergesehen in die  Einrichtung kommen. Träger brauchen hier eine verlässliche finanzielle Planungsgröße, um ausreichend und verlässlich Personal einzustellen. Die Finanzierung ist  für die Träger der Kindertageseinrichtungen in den Regionen am schwierigsten, wo eine Unterstützung der jeweiligen Kommune unverständlicherweise ausbleibt. Mit großer Sorge wird die Ausnahmeregelung zum Anstellungsschlüssel 1:12,5 für die Dauer bis zu drei Monaten bei Aufnahme von Flüchtlingskindern betrachtet. Dies führt unter Betrachtung der Situation zwar zu einer kurzfristigen Abhilfe aber auch zu einer Überforderung der Kinder, der Familien und des Personals. Auch aus Sicht des Personalmanagements ist in Zeiten des Fachkräftemangels ein Absenken von Qualitätsstandards keine geeignete Lösung und wirkt eher kontraproduktiv für eine Personalgewinnung.

Neben den bereits benannten Aspekten sind erforderlich

- Die Anpassung des Finanzierungssystems auf die aktuellen Bedarfe und ggf. pauschalierte Finanzierung. Der Verband fordert seit langem eine Erweiterung der kindorientierten Förderung um beispielsweise einen Einrichtungsfaktor.

- Die Finanzierung einer zusätzlichen pädagogischen Mitarbeiterin unabhängig der kindorientierten Förderung. Denkbar wäre auch analog zum Förderprogramm „Sprache und Integration“ des Bundes ein neues Förderprogramm, das eine zusätzliche Fachkraft für die Kitas finanziert. Dies könnten Bund oder Land entsprechend regeln – auch außerhalb der Systematik des BayKiBiG.

- Beratung und Unterstützung beispielsweise durch Psychologen, Therapeuten und Seelsorger sowie Supervision aufgrund der unterschiedlichen Problemlagen wie Traumatisierung oder Behinderung etc.

- Möglichkeiten der Vernetzung der betroffenen Einrichtungen untereinander – auch im Sinne der kollegialen Beratung und Lösungsfindung.

Chancen

Für das Zusammenleben in unserer pluralistischen Gesellschaft ist es bedeutsam, dass Kinder bereits in der Kindertageseinrichtung lernen, religiöse und kulturelle Unterschiede wahrzunehmen, ein Bewusstsein der eigenen religiösen und kulturellen Zugehörigkeit zu entwickeln und sich mit anderen zu verständigen. Hier leisten Kindertageseinrichtungen einen wertvollen Beitrag. Jedoch benötigt dieses Engagement auch verlässliche Rahmenbedingungen, damit ausreichend und qualifiziertes Personal dies auch umsetzen kann.

Pia Theresia Franke
Geschäftsführerin Verband katholischer Kindertageseinrichtungen Bayern e.V.

Hinweis: Der Artikel ist zu erst in der Ausgabe Bayerische Sozialnachrichten 1/2015 erschienen.

Weitere Informationen:

Handreichung des Ministeriums für Arbeit und Soziales, Familie und Integration "Asylbewerberkinder und ihre Familien in Kindertageseinrichtungen"

Schul- und Aktionsmaterial: "Flüchtlinge willkommen", Aktionsheft youngcaritas zum Download